biographytextscontact
       
 

skurk_60 skurk_59 skurk_58 skurk_57
skurk_56 skurk_54 skurk_53 skurk_52
skurk_51 skurk_62 skurk_61 skurk_50
skurk_49 skurk_48 skurk_47 skurk_46
skurk_45 skurk_44 skurk_43 skurk_42
skurk_41 skurk_40 skurk_39skurk_38
skurk_37 skurk_36 skurk_35 skurk_34
skurk_33 skurk_30 skurk_29 skurk_28
skurk_27 skurk_26 skurk_25 skurk_24
skurk_23 skurk_22 skurk_21 skurk_20
skurk_19 skurk_18 skurk_17 skurk_16
skurk_15 skurk_14 skurk_13 skurk_12
skurk_11 skurk_10 skurk_09 skurk_08
skurk_07 skurk_06 skurk_05 skurk_04
skurk_03 skurk_02 skurk_01 skurk_00

skurk_h skurk_g skurk_f skurk_e

DATENSCHUTZ

 

zurück

 

Katalogtext

von Dan Klein

Wilken Skurk ist ein Künstler seiner Zeit und seiner Umgebung, dessen Arbeit den Geist des neuen Berlin verkörpert. Er wurde 1966 in Dresden geboren und wuchs im Harz auf als Bürger der ehemaligen DDR, wo die starren Rollen der staatlichen Ausbildung wenig Raum für die Entfaltung eines offensichtlichen Talents ließen. Er war ein Langsamstarter, selbst wenn ihm schon früh klar war, dass er Bildhauer werden wollte. Sein Vater war Kieferorthopäde, und schon als kleiner Junge war Wilken Skurk fasziniert von der komplizierten Drahtarbeit der korrektiven Kieferorthopädie. Anstelle dessen erlernte er den Beruf des Schmuckgürtlers im nahe gelegenen Quedlinburg und absolvierte eine Ausbildung zum Schmuckgestalter. Das Ende dieses Kurses fiel mehr oder weniger mit dem Fall der Mauer zusammen. Er hatte jetzt die Freiheiten und die Möglichkeit, zusätzliche Studien als Kunststudent zu besuchen, wozu er sich auch entschloss. Er wurde an der Humboldt-Universität im Lehrgang Lehramt Kunst/Sport immatrikuliert. Erst nach dem Wechsel an die Universität der Künste (UdK) Berlin im Alter von 26 Jahren war er in der Lage all seine Bemühungen auf die Bildhauerei zu konzentrieren.

International sind die Ereignisse des Novembers 1989 als “Der Fall der Berliner Mauer” bekannt. Die Deutschen bezeichnen sie als “Die Wende”, ein Ausdruck, der deutlicher die Transformation der Gesellschaft im Land und besonders in Berlin nach der Wiedervereinigung beschreibt. Nach jetzt fast 20 Jahren kommt eine in jeder geographischen, politischen, intellektuellen, sozialen und ästhetischen Hinsicht geteilte Stadt zusammen, um ein neues kulturelles europäisches Zentrum zu werden. Für eine perzeptiven Person wie Wilken Skurk stellt das Durchleben dieser Veränderungen, zuerst als Kunststudent, und später als junger Künstler, eine bedeutende Quelle der Inspiration dar. Er kam nach Berlin mit dem Erfahrungen der sozialistisch geprägten Kindheits- und Jugendjahre und erlebte die gewaltigen Veränderungen aus erster Hand in einer Größenordnung, welche nicht vielen Kunststudenten gegeben wird. Die durch die neuen politischen und sozialen Gegebenheiten beeinflussten persönlichen und beruflichen Beziehungen wurden transformiert und das tägliche Leben unter dem Prozess der Veränderung – manchmal zum besseren und manchmal zum schlechteren- prägte das Denken des jungen Künstlers. Berlin wurde zum Regierungssitz: das lange vernachlässigte Gebäude des Reichstags wurde architektonisch und politisch wiedergeboren. “Unter den Linden”, einst eintönig und grau erwachte zu neuem Leben als Prachtstrasse mit restaurierten bzw. neu gebauten Hotels und Botschaften. Die Kapitäne der deutschen und internationalen Industrie wetteiferten miteinander mit exhibitionistischer Architektur deren Charakter die Globalisierung widerspiegelte. Der unbedingte Wille zu beeindrucken und wieder aufzubauen brachte so viele Gewinne wie Nachteile. Die urbane Landschaft und die sky line der Stadt veränderten sich stark und Wilken Skurk`s Arbeiten dokumentieren die Aufregung, die Ungewissheit, die Dualität und die Ästhetik dieser Veränderungen auf unterschiedlichste Art und Weise.

Vom Blickpunkt des Künstlers war einer der herausragensten Aspekte dieser Transformation in den neuen Stadtentwicklungsplänen enthalten. Der größte Bauplatz der Welt, brachte die Elite der deutschen und internationalen Architektur nach Berlin. Die Stadt war ein Schaukasten für die Anwendung neuer Materialien und Formen, welche ihren Weg in alle Künste fanden. Gegen diesen Hintergrund entwickelte Wilken Skurk seine eigene persönliche Sprache als Bildhauer. Architektur konnte alles vom Grossprojekt bis hin zur mixed Medienskulptur sein. Norman Fosters`s Stahl- und Glassdom sitzt über dem Reichstag wie ein Kopfschmuck, mehr Körperschmuck als Dach.

I.M. Pei`s Ausbau des Museums für deutsche Geschichte ist purer Konstruktivismus. Liebeskind`s inspiriertes Jüdisches Museumsgebäude kombiniert eine Zinkfassade mit Beton, Schiefer und dem Grün von Olivenbäumen in einer Art und Weise, als ob diese schon immer dazu bestimmt gewesen wären, von Architekten kombiniert zu werden. Es ist das Material und die konzeptionelle Freiheit des neuen architektonischen Berlin die die Grundlage der Arbeit von Skurk bilden. (Standpunkt)

Als Kunststudent an der HdK Berlin studierte Wilken Skurk bei David Evison, einem britischen Bildhauer, dessen Arbeit an Anthony Caro`s bahnbrechende Stahlkonstruktionen, welche die Bildhauerei vom Sockel stießen und auf den Boden brachten, erinnern. Skurk`s erste Arbeiten waren vom Charakter her figurativ, Torsos und solche Dinge, aber er verlies diese sehr früh zu Gunsten der Abstraktion, von der Schule ermutigt, in diese Richtung zu gehen. Die letzten Spuren (Überreste) des Figurativen erschienen in Skurk`s “Bodo Fragmente” von 1999, einem der frühesten Werke, welche Glass und Gusseisen miteinander kombinierten, obwohl das Glass in dieser Arbeit noch nicht die grundlegende Rolle inne hat, die es in den späteren Arbeiten spielt. Von Anfang an verband er seine Materialien, kombinierte Metall mit Holz und Stein, vielleicht als ein Resultat seiner frühen Aspirationen, als Schmuckdesigner zu arbeiten.Es war während der Zeit an der UdK, dass er erstmals Glass als Material für seine Arbeiten entdeckte. Der Werkstattleiter Metall hatte den Besuch einer Glasshütte in Wernigerode organisiert. In einer kürzlichen Äußerung über seine eigene Arbeit sagt er: “Glass ist das primäre Material mit dem ich arbeite, gegossenes Glass in der Kombination mit einem anderen Material.” Er hat kein Verlangen, die Glaselemente, die er in seinen Arbeiten nutzt, selbst herzustellen. Trotzdem ist seine technische Beteiligung beim Giessen original und schöpferisch. Er ist wahrscheinlich der einzige Künstler, der Stahlplatten für die Konstruktion der Form benutzt, in welchen das Glass gegossen wird. Ein ganzer Haufen von diesen Stahlplatten warten in seinem Atelier in einem grünen Vorort im Norden Berlins gelegen, in einem Areal mehrerer Lagerhallen und Fabrikhäuser, einem früheren ostdeutschen Sprengstoffwerk, zu Formen zusammengeschweißt zu werden. Die Stahlformen sind mit klarem, blauem oder weißem Glas gefüllt, welcher beim Schmelzen im Ofen eine Art Eigenleben annimmt, eine visköse Masse bildend, die sich faltet. Diese Falten, Abdrücke und Linien sowie kleine Höhlen, die während des Gießens entstehen, geben seinem Glass die Rohheit, die er mag.

Eine Projektidee beginnt mit einer imaginären Glassform in Wilken Skurk`s Kopf, die als Ausgangspunkt (Startrampe) für weitere Entwicklungen dient. Er arbeitet nicht mit vorläufigen Zeichnungen. Es passiert in seiner Vorstellung, das die Glassform Gestalt annimmt. Im Gegensatz zu dem, was man von schwerer Bildhauerei erwarten würde, benutzt er Glass als Fundament, als das stärkste und nicht empfindlichste der Materialien. Da sich der Grossteil seiner Arbeit mit Dekonstruktion beschäftigt (Dinge auseinander nehmen und rekonfigurieren um ihnen eine neue Bedeutung zu geben), steht die Umkehrung der Rollen der Materialien im Zentrum seines Denkens, welches sich mit der Art und Weise, wie Beziehungen, seien sie industriell, politisch, sozial, lokal oder global, unser Leben bestimmen oder verändern, beschäftigt. “Mein Zugang ist narrativ” sagt er “aber das Endresultat ist Abstraktion”. Gedanken und Ideen sind ihrer Natur nach abstrakt. Die meisten von uns formulieren sie mit Worten, aber der abstrakte Künstler übersetzt sie in dreidimensionale Narrativen, welche noch viel expressiver sein können, [das Konzept jenseits der Sprache.]

Wilken Skurk verarbeitet seine Gedanken in mixed media Konstruktionen unter Verwendung von Glass und Holz, Gusseisen oder Bronze. Seine Ideen werden durch verschiedene Symbole oder Ereignisse oder auch nur Worte geboren. Manchmal wird eine Idee nur ein- oder zweimal benutzt: manchmal kann sie aber auch zu einer ganzen Serie von Arbeiten führen. Manchmal stoßen ihn Symbole an, manchmal auch Ereignisse. Die Titel seiner Arbeiten geben Anhaltspunkte, ”Sonntag”, “Beziehung”, “His and Hers”, “Schachspiel”, “Himmel”. Die allegorischen Assoziationen eines Schachspiels sind endlos und dienen als Inspiration für viele seiner Arbeiten. Seine Bemerkungen über Schach sind bezeichnend für das Denken hinter seiner Arbeit. “Die Geschichte des Schachspiel erzählt vom Aufstieg und Niedergang ganzer Völker, von Schlachten und Intrigen, Helden und Liebenden, Feiglingen und Dieben. Kaum ein anderes Spiel vermag einen derartigen Reiz auszuüben, es ist dramatisch, geheimnisvoll und märchenhaft, ist Mikrokosmos der Gesellschaft. Figuren sind als Wahrzeichen deutbar und spiegeln unterschiedliche Bedeutungszusammenhänge wieder. Schach fördert Lern-, Denk- und Problemlösungsfähigkeiten.

Während des Spiels stehen sich zwei gegnerische Parteien gegenüber, zwei autarke Systeme, mit einer klar definierten Hierarchie und einem Abhängigkeitsgefüge.

Noch vor 150 Jahren bildeten König, Dame, Bischof, Pferd, Turm und Bauer ein Figurenensemble, das der Realität entlehnt war. Die Machtstrukturen haben sich im Laufe der Zeit geändert. Heute regieren Banken, Konzernkonglomerate, Gesellschaftssysteme und Religionen.”

In einer anderen Art und Weise hat die Silhouette der Stadt Skurk inspiriert. All diese Einflüsse zusammen bilden die Grundlage für seine abstrakte Bildsprache, und sind von besonderer Bedeutung für jemanden, der in einer Zeit der Umwälzungen lebt, welche die globalen Ereignisse und insbesondere die der Stadt in der er lebt, formt.

In Global Player I und II von 2003 werden der Mercedes Stern und das Logo der Deutschen Bank dekonstruiert, Symbole, welche Bewunderung und Abstoßung hervorrufen können, allein schon wegen dessen, wofür sie stehen. In Global Player I hat der Mercedes Stern den überdimensionalen Charakter eines riesigen Virus angenommen, visuell verlockend und gleichzeitig unheimlich. In jeder Skulptur ist Skurk`s Wahl der Materialien als auch des Finish wohlbedacht. Hier haben die Stahlelemente die Qualität glänzenden Metalls, welches sich eventuell mit der Erscheinung großer schwarzer body works assoziieren lässt, aber nicht notwendigerweise. In Global Player II werden dieselben Materialien benutzt. Der breite diagonale Streifen des Deutsche-Bank-Logos wurde außerhalb seiner normalen Position in ein Viereck umgelagert und induziert somit die Impression einer Desintegration. Verbale Interpretationen wie diese sollten nicht zu wörtlich genommen werden. Das Wichtige ist, dass die neuen skulpturalen Formen, welche von den Symbolen abgeleitet sind, in sich sehr kraftvoll wirken.
In Bruderkuss von 2004 hat Skurk andere Materialien verwendet. Gesägtes Holz und gegossenes Glass sind miteinander verschlungen in einer symbolischen Umarmung in Anspielung auf eine bekannte alte Fotografie, auf der sich Honecker und Breschnew küssen. Die Implikationen von zwei sehr unterschiedlichen, sich umschließenden starren Materialien sind offen für viele Interpretationen. Zwei starre Formen mit Körperkontakt beziehen sich logischerweise auf zwei Menschen und der Raum zwischen ihnen ist wiederum offen für Interpretationen. Die suggestive Natur von Skurk`s dreidimensionaler Erzählung gibt seiner Arbeit hier die Stärke.

Wilken Skurks neueste Arbeiten, im Jahre 2005 begonnen, bestätigen ihn einmal mehr als in erster Linie einen Bildhauer, dessen hauptsächliche Inspiration sich auf irgendeine Art aus der Stadt Berlin herleitet. Die Berlin Serie ist die lyrischste Arbeit, die er bisher vollendet hat. Sie wurde durch Luftaufnahmen von Berlin inspiriert , eine Kunstform, die aufgrund der sich ständig verändernden sky line viele Photographen nach Berlin geholt hat. Hier steht das alte und das neue Schulter an Schulter. Gebogene Dächer neben Hochhäusern, und alt neben neu kennzeichnen den Mix aus Tradition und Innovation. Diese Arbeiten brachten Wilken Skurk den Alexander Tutsek Preis 2005 als Teilnehmer des Coburger Glass Preises. Die verwendeten Materialien sind gegossenes Glass und Bronze. Im Katalog zur Ausstellung sagt er: “Der Ursprung meiner Herangehensweise ist meist narrativer Natur, wie bei den vorliegenden Arbeiten, die Umsetzung jedoch immer abstrakt. Entscheidend ist dabei - inhaltlich, wie formal- ein Gefälle von schwach zu stark, von groß zu klein, von leicht zu schwer. Dieses ermöglicht den Transfer der Spannungsverhältnisse auf die plastische Ebene. “

In diesen Arbeiten spielt Glass eine duale Rolle der Schwäche und Stärke, Fragilität und Solidarität. Die Materialien verändern symbolisch ihre Identität und mit der Veränderung der Identität geht eine Veränderung der Signifikanz (Bedeutung) einher. Die verwendete Bronze ist patiniert und erscheint wie Beton. Das Glass nimmt die Rolle von Stahl ein. Skurk benutzt hier Materialien und seine eigene individuelle Formsprache um auszudrücken, was sich seit dem Fall der Mauer, seit der Wende, verändert hat.

Die Arbeiten, welche Wilken Skurk bis heute produziert hat, sichern ihm einen bedeutenden Platz in der Bildhauerei der Stadt. Das Museum für Gegenwartskunst im Hamburger Bahnhof mit seinen Eisenträgern und Glass fronten wurde renoviert um als state-of-the-art Ausstellungsraum zu dienen. Diese Gebäude zeigt Tradition und Neubeginn und verkörpert den neuen Geist Berlins wie es auch die Arbeit dieses jungen Künstlers tut. Seine Arbeiten verdienen es, hier gesehen zu werden.

 

top